Arturo Di Maria

Laudatio Kathrin Frauenfelder

Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Arturo Di Maria
Kunstverein Frauenfeld, 3. Mai 2003

Das Quadrat ist heute das zentrale Element in der Malerei von Arturo Di Maria. Das war nicht immer so. Im ersten Ausstellungsraum sind frühe Bilder und Reliefs ausgestellt. Gleich links an der Wand neben der Zimmertüre hängen mehrere Studien aus den Jahren 1996/1997. An der gegenüberliegenden Wand sind drei Leinwände aus derselben Zeit zu sehen. Diagonale Linien, Balken und das Zusammenspiel verschiedener Flächen sind die wichtigsten Gestaltungsmittel. Arturo Di Maria beschäftigte sich zu diesem Zeitpunkt mit der Sinuskurve und mit der kontinuierlichen Bewegung. Das Zick-Zack-Motiv auf der Leinwand wirkt, als sei es gerade eben ein Ausschnitt einer sich unendlich im Raum fortsetzenden Bewegung.

Im zweiten Raum sind Serigrafien zu sehen. Die einen sind auf Papier gedruckt. Die anderen auf Spanplatten. Arturo Di Maria benützt mit Vorliebe Schwarz, Weiss sowie die Primärfarben Rot, Gelb und Grün. In dieser und jener Serigrafie auch ein leuchtendes Blau. Die Motive sind stark auf Rhythmus aufgebaut. Auf Formen, deren Erscheinung sich durch die variierende Farben verändern; auf Farben die im Bildgeviert ihre Position wechseln; auf Schwarz und Weiss, die sich im Dialog mit den Farben befinden; mit Quadraten, die zu rechteckigen Formen in Beziehung stehen.

Im Jahr 2000 hat Arturo Di Maria das Quadrat in den Mittelpunkt seiner Recherchen gestellt. Zuerst entstanden Konstruktionen ohne Einsatz von Farbe, Konstruktionen mit vorwiegend weissen Quadraten. 2002 ist Farbe dazugekommen. Zu dieser Werkserie zählt das Bild mit dem leuchtend gelben Quadrat, das auf der Einladungskarte und auf dem Plakat abgebildet ist (Bild Nr. 34, 2000/02). Das Quadrat ist eingespannt in eine Umgebung von weissen und schwarzen Flächen und Streifen. Man versuche einmal im Geiste, eines dieser schwarzen Elemente zu entfernen. Die Komposition würde aus der Balance kippen. Oder man versuche das gelbe Quadrat zu verschieben und die weissen Flächen zu erweitern. Man merkt an solchen Überlegungen wie durchdacht und ausgewogen die Konstruktion ist. Sie "stimmt" einfach. Subtil auf das Gelb bezogen ist auch das Schwarz. Kein reines Schwarz. Di Maria verwendet stets eine Mischung aus Weiss und Schwarz sowie den Primärfarben Rot, Gelb, Grün. So ergeben sich keine harten Gegensätze. Auch die Grauwerte beruhen auf Farbmischungen, denen mehr oder weniger Weiss beigegeben wird. Dieser Entscheid, nicht mit "schwarzem" Schwarz zu arbeiten, sondern die Einheit in der Tonigkeit der Farbpalette aufrecht zu erhalten, scheint mir sehr wichtig, denn diese chromatische Harmonie steigert die Ausgewogenheit der Kompositionen.

Der Holländische Maler Piet Mondrian kommt einem in den Sinn bei der Betrachtung von Di Marias Kompositionen. Mondrian strukturierte die Bildfläche durch ein Gitterwerk, dessen Horizontalen und Vertikalen einerseits die Grenzen der einzelnen Farbrechtecke bestimmte und andererseits ihre Absonderung als Objekte im Raum verhinderte. In Di Marias Gemälde gibt es kein Raster. Wenn das gelbe Quadrat trotzdem nicht im Raum schwebt, so deshalb, weil die schwarzen Eckelemente das gelbe Quadrat wie Klammern in der Ebene festhalten. Mondrian suchte bildnerische Symbole für eine universelle Wirklichkeit, die im Gegensatz zur 'individuellen' Wirklichkeit steht. Di Marias Bildformulierungen sind Recherchen, die aus dem Dialog von Intuition und Rationalität hervorgehen. Sie widerspiegeln heutige Sensibilität. Das Quadrat - wie die Geometrie überhaupt - hat in der Malerei viel Anlass zu Überlegungen gegeben und hat zu den verschiedensten Formulierungen geführt. Das schwarze Quadrat des russischen Künstlers Kasimir Malewitsch, zum Beispiel, ist geradezu eine Ikone der Bildenden Kunst. Malewitsch entwickelte aus den Einflüssen von Kubismus und Futurismus eine abstrakte, auf geometrischen Grundformen basierende Kunst, die er Suprematismus nannte. Das schwarze Quadrat malte er 1915. Spannend dabei ist, dass das schwarze Quadrat im Grunde genommen nicht wirklich ein Quadrat ist. Vielmehr ist die Form leicht verzogen. Dadurch scheint es auf dem weissen Hintergrund zu schweben. Das Bild bekommt eine räumliche Dimension. Die leichte Verzerrung kann aber auch als Indiz dafür ausgelegt werden, dass Malewitsch mit der Darstellung des schwarzen Quadrates keine Konstruktion auf der Basis der gestrengen, euklidschen Geometrie beabsichtigt hat, sondern - in der Tradition der Ikonenmalerei - ein inneres Bild, eine Vision zur Darstellung bringen wollte.

Mit dem Sujet des Quadrats klärte Josef Albers Fragen der Wahrnehmung. In der Serie der "homages to the square" malte Albers das Motiv des Quadrates in Interaktion mit der Farbe. Albers untersuchte dabei nicht nur das Formverhalten des Quadrats, sondern vor allem auch die Wirkung er Farben auf die Quadrate. Ihn intrigierte die Frage, ob die Effekte, die sich einstellen, - jener der räumlichen Tiefe bzw. jener des optisch aus der Bildfläche heraustretende Quadrates -, eine materielle Tatsache sei, also einen "actual fact" oder, ob es sich um einen reinen Akt der Wahrnehmung handelt, um einen "factual act". Ein heute noch spannendes Thema. Für Max Bill ist das Quadrat - wie die Geometrie überhaupt - Mittel um die Eleganz und heitere Leichtigkeit der Logik zur Anschauung zu bringen. Auch für Richard Paul Lohse waren seine horizontalen und vertikalen Progressionen mehr als nur Malerei. Er begriff sie als Sinnbild für politische und gesellschaftliche Ordnungen. Erst für die amerikanischen Minimalisten, für Donald Judd etwa, ist ein Quadrat ein Quadrat und somit nichts anderes als eine geometrische Form.

Und bei Arturo Di Maria, werden Sie sich fragen.

Im Verlaufe seiner Werkentwicklung hat Di Maria zu eigenen prägnanten Formulierungen mit dem Quadrat gefunden. Diejenige Werkgruppe zu denen auch die Leinwand mit dem gelben Quadrat zählt, habe ich bereits erwähnt. Die zunehmende Reduktion der Bildelemente hat aber auch zu Werken geführt, wie wir sie im letzten Raum sehen und wo der Künstler mehrere Tafeln zu einer Reihung fügt und er Quadrat neben Quadrat stellt. Zwischen den einzelnen Quadraten eine zarte, hellgraue Fläche. Am unteren Bildrand ein schmaler Streifen mit rhythmisch angeordneten kürzeren oder längeren, bunten und "schwarzen" Balkenstücken. Diese Farbakzente bringen Bewegung in die Komposition. Sie brechen die Statik auf, die die Quadrate aufbauen. Das Auge bleibt bei der Betrachtung nicht auf dem Quadraten stehen, sondern wird von Quadrat zu Quadrat weitergetragen.

Es ist nicht so, dass das Motiv der kontinuierlichen Bewegung, wie es seit den 80er Jahren so zentral ist für das Oeuvre von Arturo Di Maria, sich mit dem Verschwinden der Diagonalen aus seinem Werk, verabschiedet hätte. Arturo die Maria hat vielmehr eine neue, spannungsvolle Form gefunden, kontinuierliche Bewegung zu formulieren. Es ist der Rhythmus der Farben, der Rhythmus der Balkenlänge und Abstände, die nun eine fortlaufende Bewegung bewirken. Ruhe und Bewegung prägen diese Kompositionen. Keine Statik, aber auch keine Hektik. Vielmehr stehen diese Bildfindungen diskret für einen Ausdruck der etwa als Ruhe in der Bewegung umschrieben werden kann. Parallel zu den Bildern zeigt Arturo Di Maria seine neuesten Plastiken. Sie sind aus Chrom-Nickel-Stahl. Sie sind handgemacht und perlgestrahlt. Durch die Perlstrahlung erhalten die Objekte diesen wunderbaren seidenmatten Glanz. Die Objekte sind eigens für diese Ausstellung hergestellt worden. Sie können es beobachten: auch die Objekte basieren auf dem Grundelement des Quadrates bzw. des Würfels.

Di Marias Chromstahlskulpturen sind von grosser Einfachheit: Das Volumen eines Würfels wird aufgeschnitten. Ein Teilvolumen - oft ist es ein Viertelvolumen - wird von der Achse weggedreht, herausgeklappt oder verschoben. Dem Winkel kommt dabei grösste Bedeutung zu. Er definiert das Zueinander der Volumen und Teilvolumen. Di Marias Skulpturen stellen keine Zeichen für Raum dar. Sie sind in den realen Raum gestellte Elemente, die als autonome Skulpturen Grundaspekte optischer Erscheinungen sichtbar machen: Die abgewinkelten Oberflächen reflektieren das auftreffende Licht vielfältig. Nicht nur bei den Chromstahlplastiken, sondern auch bei den weiss gespritzten Reliefs wechseln im Zueinander der Elemente, wechseln je nach Neigung der Oberflächen helle mit verschatteten Partien ab. An den Übergängen entstehen unendliche Abstufungen. Bei den Chromstahlplastiken wiederum scheint sich bei intensiver Lichteinwirkung das Material optisch geradezu aufzulösen. Di Marias Skulpturen sind Skulpturen, gemacht für die Wahrnehmung.

Jedes Element ist klar definiert und präzise gesetzt. Vom Material her. Von der "Farbe" her. Wie bei den Bildern sucht Di Maria auch in den Skulpturen ein Ausdruck der Objektivität. Wittgenstein äusserte sich einst dahingehend, dass die Menschen glauben, die Wissenschaftler seien da, sie zu belehren. Die Dichter, Musiker, Künstler, sie zu erfreuen. Dass diese sie etwas zu lehren haben, kommt ihnen, so Wittgenstein, nicht in den Sinn. Tatsächlich lässt sich das, was die Kunst zu vermitteln vermag, nicht immer in Worte fassen. Die Kunst vermittelt nicht nur die Erkenntnisse auf andere Art, die Erkenntnisse sind auch von anderer Art. Wenn der Schneider seinem Kunden eine Stoffprobe zusendet, exemplifiziert diese Probe zahlreiche Eigenschaften. Der Kunde erfährt zum Beispiel, wie sich der Stoff auf der Haut anfühlt. Er erkennt den kaum sichtbaren roten Faden im sonst blau gehaltenen Stoff und bekommt somit eine Vorstellung von der ganz besonderen Farbnuance des Stoffes. Die Stoffprobe vermittelt dem Kunden Erkenntnisse, die ihm der Schneider nur teilweise durch Worte vermitteln könnte. Und ähnlich verhält es sich mit dem Teetrinker, der durch das viele Trinken subtile Fähigkeiten ausgebildet hat, um Differenzen in den Geschmacksnuancen unterscheiden, und diese in Kategorien einteilen zu können. Arturo Di Marias Skulpturen und Reliefs funktionieren auch auf diese Art. Sie erweitern unsere Erkenntnis über das Verhalten von Materialien im Raum, über das Spiel des wechselnden Lichtes auf den weissen und metallenen Oberflächen oder über verschiedene Formen von Bewegung und Rhythmen. Dabei vermitteln uns die Skulpturen keine fassbaren Wahrheiten, sondern sie schärfen unsere Aufmerksamkeit im Hinblick darauf, die physischen und visuellen Dimensionen dieser Welt stets differenzierter wahrnehmen zu können.

Für Di Maria ist die Kunst - Skulptur wie Malerei - vor allem ein Orientierungsort des Seins. In diesem Sinne sollen die hier ausgestellten Werke zur Auseinandersetzung anregen und einen Beitrag leisten, unser Erfahrungsfundament zu klären und zu festigen.

Kathrin Frauenfelder